Ein Jahr Glasfaser statt Kabel: Wie ist das Fazit?

Ein Jahr Glasfaser statt Kabel: Wie ist das Fazit?

Schon seit 2019 habe ich in meiner Wohnung eine Glasfaserleitung liegen. Genutzt habe ich sie aber nur einmal im Rahmen eines Tests (Glasfaser vs. Kabel für inside digital). Danach bin ich mit meinem Anschluss beim Kabel geblieben. Warum? Nun, ich dachte 1 Gbit/s ist nice to have – und außerdem hab ich mit damals knapp 40 Euro deutlich weniger zahlen müssen als für eine vergleichbare Glasfaserleitung. Doch Vodafone erhöhte die Preise, die Telekom machte ihre Tarife attraktiver und so entschied ich mich vor etwas mehr als einem Jahr, den Anbieter zu wechseln. Und damit auch die Infrastruktur. Glasfaser statt Kabel. Was ich damit gleichzeitig getan habe, klingt im ersten Moment verkehrt: Ich habe mein Internet langsamer gemacht. Doch der vermeintliche Verlust spielt im Alltag fast keine Rolle. Was sich wirklich verändert hat, steht auf dem Werbeplakat ganz hinten. Ich erzähle dir, warum ich 1.000 Mbit Download gekündigt habe, um 150 Mbit Upload zu bekommen und warum sich das jeden Tag auszahlt.

Warum hab ich den Gigabit-Anschluss gekündigt?

Dass ich statt eines Gigabit-Kabel-Anschlusses nur noch 300 Mbit/s per Glasfaser habe, ist kein Versehen. Und auch kein fehlendes Angebot. Die Deutsche Telekom hätte mir auch einen schnelleren Tarif verkauft. Ich wollte ihn nicht. Auch, weil er mir zu teuer war, ja. Aber damit einhergehend auch mit der Begründung: Ich brauche nicht mehr. Jedenfalls nicht heute, nicht jetzt. Das kann sich ändern – dann per Mausklick.

Aber im Gegenzug ist mein Upstream gestiegen, von damals 50 auf 150 Mbit. Klingt nach einem schlechten Tausch. 700 Mbit fallen weg, 100 kommen dazu. So steht es auf dem Datenblatt. Im Alltag sieht die Rechnung völlig anders aus.

Der schnelle Download fehlt mir fast nie

Merke ich die kleinere Download-Zahl überhaupt? Ehrlich: so gut wie nie. Ich merke sie an vielleicht drei, vier Tagen im Jahr. Dann nämlich, wenn ein großes Spiel frisch auf die Konsole soll. Zuletzt EA Sports FC 26 für meine Nintendo Switch 2. Zig Gigabyte wollen da runtergeladen werden. Auf der 300er Leitung dauert das ein paar Minuten länger als früher. Ist dann so. Bei der Arbeit im Homeoffice spielt das keine Rolle. Datenpakete, die ich runterlade, sind selten so groß, dass sie Gigabit-Leitungen bräuchten. Und selbst wenn, relativiert sich die Gigabit-Leitung schnell. Denn auch mit ihr war oft vorher Schluss. Nicht meine Leitung war das Nadelöhr, sondern der Server am anderen Ende und die Wege dorthin. Zum Beispiel auch der Netzwerkport oder die CPU der PlayStation 4. Ein System-Update war hier nie wirklich fix – auch mit der Gigabit-Leitung. Die große Zahl im Tarif war oft nur Theorie.

Glasfaser-Tarifrechner

Was wirklich den Unterschied macht: der Weg nach oben

Jahrelang lagen meine Backups und ein großer Teil meiner Daten in der Cloud, konkret bei Strato HiDrive. Praktisch, von überall erreichbar, schnell aus dem Rechenzentrum. Aber eben fremde Hardware, laufende Kosten, und meine Daten irgendwo da draußen.

Mit dem schnelleren Upstream habe ich umgestellt. Heute steht bei mir ein NAS von UGREEN, ein kleiner Netzwerkspeicher fürs eigene Zuhause. Zehnfache Datenkapazität, keine laufenden Kosten von ein paar Euro im Jahr für den Strom mal abgesehen. Und meine Daten liegen wieder bei mir. Und trotzdem komme ich von überall auf der Welt dran, in einem Tempo, das vorher undenkbar war.

Der Grund ist simpel. Wer von außen auf seine Daten zugreift, holt sie aus dem eigenen Netz, also aus dem Upstream. Mit 50 Mbit nach oben war das eine Geduldsprobe. Mit 150 läuft es. Große Dateien wandern flott aus dem Heimnetz ins Internet, wenn ich sie brauche. Genau dafür ist Glasfaser gebaut, denn sie liefert nach oben viel mehr, als Kabel je konnte. Und große Daten vom Handy oder Rechner landen innerhalb des Heimnetzwerkes mit bis zu 2,5 Gbit/s auf den Festplatten.

Homeoffice: Wenn Videos hin und her wandern

Bei inside digital produzieren wir inzwischen deutlich mehr Videos. Einen Teil davon produziere ich im Homeoffice. Videodateien sind groß. Schnell kommen einige Gigabyte zusammen. Damit sie schnell bei meinen Kollegen zum Schneiden und Veröffentlichen liegen, wandern sie bei uns in einen Firmen-Cloudspeicher. Mit 150 Mbit/s Upstream eine Sache von Minuten. Soll es noch schneller gehen, lege ich sie kurz mit Freigabe-Berechtigung auf meine NAS und meine Kollegen laden sie runter – sogar schon aus Argentinien während der Workation. Der Upload ist vom Flaschenhals zur Nebensache geworden. Das spart nicht nur Minuten, das spart Nerven.

Die unterschätzte Größe: Latenz und Ruhe

Glasfaser hat noch einen weiteren Vorteil: Die geringe Latenz. Waren es beim Kabel in der Regel 30 bis 50 ms Reaktionszeit, so erreiche ich mit der Glasfaserleitung oftmals 3 bis 5 ms. Sicherlich mag mein Standort Berlin und die damit verbundene Nähe zu vielen CDN-Netzwerken hier ein Vorteil sein. Doch Glasfaser ist generell für seine geringe Latenz bekannt. Das freut vor allem alle Online-Gamer. Das aber bin ich nicht.

Doch die Latenz wirkt sich auch auf das Surfen aus. Wenngleich ich zugeben muss: Den schnelleren Seitenaufbau habe ich nur die ersten Tage bewusst wahrgenommen. Webseiten bauten sich spürbar zackiger auf, fast in Echtzeit. Der Grund ist nicht die Bandbreite, sondern eben die kürzere und gleichmäßigere Reaktionszeit, die Latenz. Daran gewöhnst du dich erschreckend schnell. Dann fällt es nicht mehr auf. Bis du mal wieder an einer DSL- oder Kabel-Leitung sitzt. Den Vergleich spüre ich in unserem Berliner Büro: Mit VDSL wirkt das Surfen eher zäh. Sogar die Reaktionszeit bei Videocalls unterscheidet sich.

Dazu kommt die Stabilität. In meinem Fall lag das nicht an einer Überlastung und Shared Medium. 800 Mbit/s statt 1.000 Mbit/s in den Abendstunden konnte ich verschmerzen. Ich hatte Glück, anderen Nutzern geht es anders. Aber die Leitung fiel oft ganz aus. Entweder weil der Verstärker im Keller keinen Strom hatte, ein Stromausfall an einem Verteiler auf der Straße war oder Vodafone sonstige Probleme hatte. In einem Jahr Glasfaserinternet hatte ich genau zwei Ausfälle. Einer betraf das komplette Wohnviertel, womit auch mein Glasfaserrouter keinen Strom mehr hatte (nein, nicht der Anschlag auf das Berliner Stromnetz im Winter). Der andere Ausfall muss ein Ausfall einer zentralen Komponente im Glasfasernetz der Telekom gewesen sein. Nach zwei Stunden lief alles wieder. Da hatte ich im Kabelnetz vor allem im Homeoffice häufiger Ausfälle.

Ändert sich für dich etwas, was sich für mich geändert hat?

Heißt das, du solltest sofort den schnellsten Tarif buchen? Nein. Das ist die eigentliche Lehre aus meinem Jahr. Die fette Download-Zahl ist für die meisten zweitrangig. Ob du 1.000 oder 300 Mbit im Download hast, merkst du beim normalen Surfen, Streamen und Spielen kaum. Zum Vergleich: Netflix empfiehlt für ein Bild in 4K rund 15 Mbit. Selbst meine 300er Leitung langweilt sich dabei, wenn wir auf beiden Fernsehern schauen und nebenbei noch andere Geräte nutzen. Aktuell kocht auch eine Debatte hoch, ob ein Glasfasertarif mit 50 Mbit/s sinnvoll sein kann.

Spannend wird die Glasfaser beim Upstream. Sicherst du Daten auf ein eigenes NAS? Greifst du von unterwegs auf dein Heimnetz zu? Lädst du regelmäßig große Dateien hoch, Videos, Fotos, Backups? Dann ist die Zahl hinter dem Schrägstrich die wichtigere. Und genau da spielt Glasfaser ihre Stärke aus.

Mein Rat aus der Praxis: Schau nicht nur auf den Download. Frag dich, was du nach oben schickst. Dann triffst du die Entscheidung, die zu deinem Alltag passt. Nicht die, die das Marketing dir vorrechnet.

Hatte ich vor dem Wechsel zur Glasfaser geplant, meine Daten in ein lokales NAS zu legen? Nein. Diese Möglichkeit habe ich erst nach dem Wechsel in Betracht gezogen, weil sie möglich wurde. Würde ich zurück zum Kabel wollen? Keine Sekunde. Auf dem Papier surfe ich langsamer als vor einem Jahr. Im Alltag war ich nie besser aufgestellt.

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