Einst war Volkswagen „Das Auto“. Zumindest hier, in Deutschland. Zwar ist der Ursprung des Automobilkonzernes wenig rühmlich, doch im Laufe der Jahre hat sich der Autobauer zu einem festen Bestandteil von Deutschland entwickelt – sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich. Der VW Käfer wurde 65 Jahre lang, von 1938 bis 2003, produziert, und gehört zu den meistverkauften Autos aller Zeiten – genauso wie der VW Golf. Und heute? Heute rümpfen junge Erwachsene aus China die Nase, während ein Kfz-Mechaniker aus meinem Umfeld schmunzelnd behauptet, dank VW hätte er immer genügend Arbeit. Doch wie schlimm es um den Konzern wirklich steht, das hat die Öffentlichkeit erst in den vergangenen Wochen erfahren.
Ein düsteres Bild
Selbst zu Zeiten des Abgasskandals fielen die Schlagzeilen rund um Volkswagen nicht so düster aus wie jetzt. Damals wurde der Konzern offen beschuldigt. Heute wirkt es eher wie ein Kopfschütteln, beinahe schon mitleidig. Und dafür gibt es gute Gründe. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum brachen die Auslieferungen in China zwischen Januar und Juni 2026 um erschreckende 25,9 Prozent ein. In Nordamerika um 3,1 Prozent, in Nahost/Afrika um 3,6 Prozent. Glücklicherweise konnten in Südamerika und Europa auch Gewinne verzeichnet werden, doch schlussendlich beendete die Volkswagen Group das erste Halbjahr mit einem weltweiten Minus von 6,3 Prozent. Die Volkswagen Group wohlgemerkt, nicht die Marke VW. Diese verzeichnete ein Gesamtminus von 10,9 Prozent bei ihren Pkws sowie ein Minus von 28,2 Prozent bei vollelektrischen Pkws (BEV).
Nun könnte man sagen, dass jeder mal ein schlechtes Jahr hat. Und die US-Zölle sowie der Iran-Konflikt machen den Handel auch nicht gerade einfacher. Davon geht die Welt noch nicht unter, oder? Ich kann diese Frage nicht beantworten. Aber der VW-Vorstand kann es. Natürlich nicht nach außen, aber hinter verschlossenen Türen. Vielleicht im Rahmen einer anonymen internen Umfrage für Vorstände und Aufsichtsräte? Das Manager Magazin will die Ergebnisse einer solchen Umfrage in die Hände bekommen haben. Demnach hätten sechs von neun befragten Vorständen das Unternehmen als existenzgefährdet eingestuft.
Das war Mitte Juni der Fall. Seither ließ die Vorstandsetage Pläne für Werksschließungen in Deutschland und weltweit massiven Stellenabbau häppchenweise über unterschiedliche Medien durchsickern. Offiziell wurden diese allerdings noch nicht bestätigt. Stattdessen haben die Aufsichtsräte bei VW mehrere Stunden getagt – ohne eindeutiges Ergebnis. Die Betriebsratschefin Daniela Cavallo betont nach der Sitzung jedenfalls, mit ihr seien Werksschließungen nicht zu machen.
Zukunftsplan des Volkswagen-Vorstands
Kurz nach der Aufsichtsratssitzung präsentierte die Volkswagen Group einen Zukunftsplan. Werksschließungen und Stellenabbau kommen darin nicht offen vor. Und das, obwohl nach Recherchen des Manager Magazins bis zu 100.000 Stellen weltweit auf der Kippe stehen (der Abbau von 50.000 Stellen in Deutschland bis 2030 wurde bereits früher offiziell angekündigt). Stattdessen wirkt der Ton im Zukunftsplan ziemlich positiv. „Unser Ziel ist klar: Bis 2030 machen wir die Volkswagen Group zum attraktivsten Automobilunternehmen der Welt“, sagt Oliver Blume, Vorstandsvorsitzender bei VW. Doch wie will der Konzern das erreichen?
Unter anderem mit einer Straffung der Modellpalette um bis zu 50 Prozent. Und auch die „Angebotskomplexität“, also etwa die Ausstattung, will man um bis zu 75 Prozent reduzieren. Ferner sollen die Produktionskapazitäten auf 9 Millionen Fahrzeuge pro Jahr angepasst werden – aufgrund der „veränderten globalen Marktlage“ sowie des „massiv gewachsenen Wettbewerbs“. Und dann… dann kommt noch viel Marketing-Sprech. Zentrale Technologiefelder würden harmonisiert, konzernweite Synergien konsequent gehoben und Parallelstrukturen abgebaut. Derweil fiel der Aktienkurs in den vergangenen fünf Jahren von etwa 207 Euro auf nur noch rund 71 Euro. Und damit auf das Niveau aus dem Jahr 2010 – Inflation nicht einberechnet.
Was ich an dieser Stelle noch abschließend erwähnen möchte, weil es in dem Zukunftsplan ganz oben steht: „Die Volkswagen Group hat sich in den vergangenen drei Jahren grundlegend neu ausgerichtet: Die zentralen Ziele bei Produkten, Technologien und in den Regionen wurden erreicht.“ Okay, gut zu wissen.
Das mag nur meine Einschätzung sein, aber auf mich wirkt der Zukunftsplan nicht wie eine souveräne Geschäftsentscheidung, sondern wie der Griff nach dem letzten Strohhalm. Insbesondere im Kontext der Geschäftszahlen. Hier lag beim operativen Ergebnis 2024 ein Minus von 15 Prozent zum Vorjahr vor (etwa 3,4 Mrd. Euro), und 2025 ein Minus von 53 Prozent (etwa 10,2 Mrd. Euro). Und nun? Wie geht es jetzt weiter?
VW-Verkauf an chinesische Investoren steht im Raum
So viel zu den Plänen. Doch was geschieht, sollten diese nicht aufgehen? Wenn die Sparprogramme nicht ausreichen und der finanzielle Erfolg ausbleibt? Moritz Schularick, Leiter des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, malt im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung ein düsteres Bild. Demnach werde Volkswagen wahrscheinlich von einem chinesischen Autohersteller aufgekauft. Etwa von BYD. Für VW ist das eine „haltlose Spekulation“, doch ich kann mir nicht helfen: Der bittere Beigeschmack bleibt.
Warum Volkswagen strauchelt, lässt sich mit einigen wenigen Sätzen nicht zusammenfassen. Die allgemeine europäische Wirtschaftslage, fehlender Weitblick im E-Fahrzeuge-Segment, starke Konkurrenz in und aus China sowie Probleme bei der Software-Entwicklung sind nur einige Faktoren. Zudem fließen trotz der schlechten Zahlen und des Stellenabbaus weiterhin Millionen an Vorstandsvergütung und Dividende.
Ob die neue Strategie aufgeht oder „Das Auto“ zum Auslaufmodell wird, das weiß ich nicht. Niemand tut das. Sicher ist nur: Dass sich diese Frage heute überhaupt ernsthaft stellt, hätte noch vor einem Jahrzehnt niemand für möglich gehalten.
